Das Gesetz des Zehnten im alten Bund

1) Was war der Zehnte?

Um die ganze Thematik rund um den Zehnten richtig verstehen zu können, muss man zunächst einmal herausfinden, was als Zehnter gegeben werden sollte, und was der eigentliche Sinn und Zweck des Zehnten im Alten Testament bzw. im mosaischen Bund war. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass der Zehnte stets Nahrungsmittel beinhaltete. Obwohl man Geld bereits schon lange vor der Gesetzgebung als Zahlungsmittel verwendet hat, ist es vom Gesetz des Zehnten ausgeschlossen. Gott hatte mehrfach detaillierte Vorschriften gemacht, was alles als Zehnter abzugeben war, z.B. der Zehnte von den Früchten des Landes, und der Zehnte von den Rindern und Schafen. Nachfolgend sind einige dieser Stellen genannt (zum Lesen anklicken):

- 3. Mose 27,30-32

- 5. Mose 14,22

- Nehemia 13,12

Es gab lediglich nur eine Ausnahme, bei der man Geld als Zehnten geben durfte: wenn man einen langen Weg zurücklegen musste und den Zehnten daher nicht transportieren konnte, dann durfte man diesen verkaufen und den Erlös stattdessen verwenden (s. 5. Mose 14,23-25)

Da nur Tiere und landwirtschaftliche Erträge als Zehnter gegeben werden konnten, führt das zu der zwingenden Schlussfolgerung, dass lediglich Landbesitzer den Zehnten abzugeben hatten. Die Menschen aus den anderen Berufssparten verfügten nicht über die entsprechenden Mittel, die für die Abgabe des Zehnten erforderlich waren. Dazu gehörten z.B. Geschäftsleute, Fischer, Kleidermacher, Töpfer und Zimmerer. Zur letzten Sparte gehörte auch Jesus, was erklärt, warum selbst er nie einen Zehnten gab.

2) Vier verschiedene „Zehnte“

Es gab übrigens nicht nur einen Zehnten, sondern gleich vier verschiedene:

A) Der 1. Zehnte: Das Volk gab einen allgemeinen Zehnten an die Leviten

“Und siehe, den Söhnen Levi habe ich den gesamten Zehnten in Israel zum Erbteil gegeben für ihre Arbeit, die sie verrichten, die Arbeit für das Zelt der Begegnung.” (4. Mo 18:21)

Zur Zeit des alten Bundes gab es Priester und Leviten. Beide Gruppen kamen aus dem Stamm Levi. Die Priester waren die Vermittler zwischen Gott und dem Volk. Die Leviten dienten den Priestern bei ihrer Arbeit in der Stiftshütte und später im Tempel. Darüber hinaus waren die Leviten noch in folgenden Bereichen tätig:

- Gesundheitswesen
- Polizei
- Gerichtsbarkeit
- Bildungswesen

Damit sie sich in ihrem Tun ganz dem Herrn hingeben konnten, war es ihnen untersagt, eine bezahlte Arbeit auszuführen. Aus diesem Grund mussten die anderen 11 Stämme Israels einen allgemeinen Zehnten abgeben, damit die Leviten ausreichend versorgt waren. Gemäß den Anweisungen Gottes wurden von den Landbesitzern (s.o.) Nahrungsmittel als Zehnter gegeben.

B) Der 2. Zehnte: Die Leviten gaben den Priestern einen Zehnten vom allgemeinen Zehnten

Und der HERR redete zu Mose und sprach: Und zu den Leviten sollst du reden und zu ihnen sagen: Wenn ihr von den Söhnen Israel den Zehnten nehmt, den ich euch von ihnen als euer Erbteil gegeben habe, dann sollt ihr davon ein Hebopfer für den HERRN abheben, den Zehnten von dem Zehnten … Aaron, dem Priester, geben … (4. Mo 18:25-31)

Mathematisch gesehen war dieses System gut durchdacht. Wir erinnern uns, dass Israel aus 12 Stämmen bestand. Wie wir soeben gesehen haben, wurde aus 11 Stämmen ein allgemeiner Zehnter an die Leviten abgegeben.

11 Stämme —> jeder Stamm gab 10% = 110%

Insgesamt wurden von den Leviten 110% an Abgaben eingesammelt (der allgemeine Zehnte der restlichen Stämme). Das war weit mehr, als sie benötigten. Darum gab Gott die Anweisung, dass die Leviten von diesen Abgaben ebenfalls 10% an die Priester abgeben sollten. Da es mehr Leviten als Priester gab, waren auch die Priester somit gut versorgt. Mit anderen Worten: es war genug für jeden da.
Man kann es auch so ausdrücken: der Zehnte im alten Bund war ein gut ausgeklügeltes Steuersystem, das Gott angeordnet hatte, um die Priester und Leviten zu versorgen, damit das Tempelsystem aufrecht erhalten bleiben konnte.

C) Der 3. Zehnte: Das Volk behielt einen Zehnten für die Pilgerreisen nach Jerusalem

Du sollst gewissenhaft allen Ertrag deiner Saat verzehnten, was auf dem Feld wächst, Jahr für Jahr, und sollst essen vor dem HERRN, deinem Gott, an der Stätte, die er erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen, [nämlich] den Zehnten deines Getreides, deines Mostes und deines Öles und die Erstgeborenen deiner Rinder und deiner Schafe, damit du lernst, den HERRN, deinen Gott, alle Tage zu fürchten. Wenn aber der Weg zu weit für dich ist, dass du es nicht hinbringen kannst, weil die Stätte für dich zu fern ist, die der HERR, dein Gott, erwählen wird, um seinen Namen dort hinzulegen, wenn der HERR, dein Gott, dich segnet: dann sollst du es für Geld geben. Und dann binde das Geld in deine Hand zusammen und geh an die Stätte, die der HERR, dein Gott, erwählen wird! Und gib das Geld für alles, was deine Seele begehrt, für Rinder und Schafe, für Wein und Rauschtrank und für alles, was deine Seele wünscht! Und iss dort vor dem HERRN, deinem Gott, und freue dich, du und dein Haus! (5. Mo 14:22-26)


Das Volk Israel sollte sich dreimal im Jahr zu den großen Festen versammeln. Das sollte eine Zeit der Freude sein, und durch diesen dritten Zehnten wurde sichergestellt, dass jeder genug Lebensmittel für diese Zeit zur Verfügung hatte. Dieser Zehnte hatte daher mit dem ersten Zehnten nichts zu tun.

D) Der 4. Zehnte: Das Volk gab den Armen, Weisen und Witwen einen Zehnten

Am Ende von drei Jahren sollst du den ganzen Zehnten deines Ertrages von jenem Jahr aussondern und ihn in deinen Toren niederlegen. Und der Levit – denn er hat keinen Anteil noch Erbe mit dir – und der Fremde und die Waise und die Witwe, die in deinen Toren wohnen, sollen kommen und essen und sich sättigen, damit der HERR, dein Gott, dich in allem Werk deiner Hand, das du tust, segnet. (5. Mose 14:28-29)

Dieser Zehnte wurde immer am Ende eines jeden dritten Jahres gegeben, und es handelte sich hierbei um eine Fürsorgeunterstützung.

Zum Nachdenken: Welcher Zehnte ist nun für uns Christen heute noch gültig? Bedenke: Die Empfänger waren die Leviten, die wiederum einen Zehnten an die Priester abzugeben hatten. Wir halten fest, dass als Zehnter ausschließlich landwirtschaftliche Erträge und kein Geld abgegeben wurden. Daher haben nur Landbesitzer ihre Erträge verzehnten können. Warum also wird in den meisten christlichen Gemeinden gelehrt, dass jeder Christ dazu verpflichtet ist, mindestens 10% seiner Finanzen zu geben? Wie soeben gesehen, war der 4. Zehnte als Fürsorge für Arme, Weise und Witwen gedacht. Wenn das Geben des Zehnten heute noch relevant sein soll, dann muß auch die Frage erlaubt sein, warum sozial schwache Menschen so wenig Unterstützung in ihren christlichen Gemeinden finden. Stattdessen wird oftmals sogar noch gesagt: „Du hast so wenig, weil du nicht treu deinen Zehnten gibst.“ Jesus jedoch verurteilt diese pharisäische Haltung (lies hier ‘Das Scherflein der Witwe’). Wir werden später noch sehen, warum das Gesetz vom Zehnten für uns Christen nicht mehr relevant ist, und wie wir mit Geld umgehen sollen.

3) Der Fluch in Maleachi 3,8-10

Maleachi 3,8-10 wird in der Regel am häufigsten verwendet, um aufzuzeigen, dass der ‘Zehnte’ auch heute noch für uns Christen gültig ist. Schauen wir uns zunächst den Text an:

Darf ein Mensch Gott berauben? Ja, ihr beraubt mich! – Ihr aber sagt: `Worin haben wir dich beraubt? Im Zehnten und im Hebopfer. Mit dem Fluch seid ihr verflucht, mich aber beraubt ihr weiterhin, ihr, die ganze Nation! Bringt den ganzen Zehnten in das Vorratshaus, damit Nahrung in meinem Haus ist! Und prüft mich doch darin, spricht der HERR der Heerscharen, ob ich euch nicht die Fenster des Himmels öffnen und euch Segen ausgießen werde bis zum Übermaß!

Wie wir oben festgestellt haben, mußte der ‘Zehnte’ gemäß Gottes Anweisungen aus landwirtschaftlichen Erträgen bestehen. In Maleachi 3 wird nun gesagt, dass das Vorratshaus leer ist. Demnach haben die Landbesitzer ihren ‘Zehnten’ nicht gebracht. Es liegt auf der Hand, dass sich sogar die ganze Nation von Gott abgewendet hat, so wie das leider all zu oft geschah, denn Gott redet hier zur ganzen Nation. Was hier gesagt wird, können wir nicht auf die christliche Gemeinde übertragen. Es geht hier um Menschen, die unter bestimmten Gesetzen (biblisch gesagt: unter DEM Gesetz) zu leben hatten, und die diese nicht einhielten. Als Christen leben wir aber nicht mehr unter dem Gesetz. Der ‘Zehnte’ ist daher für uns genauso wenig relevant wie die hier erwähnten Hebopfer oder gar die Beschneidung.

Wenn wir wirklich die Ansicht vertreten, dass der ‘Zehnte’ für uns Christen gültig ist, dann müssen wir ihn auch in der Art und Weise bringen, die Gott vorgesehen hat: Tiere und landwirtschaftliche Erträge, und die wären laut Vorschrift an die Leviten abzugeben. Eine andere Praxis des ‘Zehnten’ kennt die Bibel nicht. Ende der Diskussion!

In Vers 9 lesen wir, das ein Fluch auf der ganzen Nation liegt. Lange bevor Maleachi diese Worte sagte, hatte Gott dem Volk Israel das Gesetz gegeben. Gott hatte darin ganz klar gesagt, was der Segen sein würde, wenn sich das Volk an das Gesetz hält, und was der Fluch sein würde, sollte das Volk das Gesetz brechen. Über die Jahrhunderte hat Israel wiederholt das Gesetz gebrochen und in konsequenter Weise die Strafen des Fluchs erleiden müssen. Das lag in der Natur ihres Bundes begründet. Da wir jedoch in Christus sind, steht dieser Fluch nicht mehr über uns. Er ist nicht Teil des neuen Bundes. Jesus Christus hat uns durch seinen stellvertretenden Tod am Kreuz vom Fluch des Gesetzes erlöst (siehe Gal 3,13). Wer heute noch lehrt, dass uns Christen ein Fluch trifft, wenn wir nicht den ‘Zehnten’ geben, widerspricht den grundlegendsten Wahrheiten des neuen Bundes. Und wer wieder zum Gesetz zurück will, stellt sich automatisch wieder unter den Fluch (siehe Gal 3,10). Das Leben als Christ ist ein geistlicher Prozess, den man nicht mit der Denkweise des alten Bundes vergleichen kann.

So wie es den Fluch für den Ungehorsam gab, so gab es auch den Segen Gottes, wenn das Volk dem Gesetz gehorchte (siehe Vers 10). Das Volk sollte Gott bzgl. seiner Zusagen auf die Probe stellen, um zu sehen, ob er diese einhält. Wenn das Volk den ‘Zehnten’ gibt, dann wollte Gott “die Fenster des Himmels öffnen und Segen ausgießen bis zum Übermaß.” Einige Christen nehmen diesen Vers aus dem Zusammenhang und wenden ihn auf die Gemeinde an. Sie sagen, dass Gott uns reichlich Segen schenken wird, wenn man ein Minimum von 10% seines monatlichen Bruttogehalts in die Gemeindekasse einzahlt. In diesem Text geht es aber nicht um die Gemeinde, sondern um das Volk Israel. Es geht hier auch nicht um das monatliche Einbringen von Finanzen, sondern um das Einbringen der Ernte. Man muß kein Landwirt sein, um zu wissen, dass es keine monatlichen Ernten gibt. Wenn Gott hier sagt, dass er “die Fenster des Himmels öffnen” will, dann bedeutet das auch, dass die Fenster des Himmels zu diesem Zeitpunkt verschlossen waren. Das zeigt wieder einmal mehr, dass die Menschen im alten Bund eine ganz andere Beziehung zu Gott hatten, als wir Christen. Für uns Christen ist der Himmel nicht verschlossen, da in uns der Heilige Geist wohnt. Außerdem sollte man den unmittelbaren Zusammenhang insbesondere Vers 11 beachten. Dort wird nämlich gesagt, worin der Segen Gottes für das Volk besteht – nämlich lediglich in einer guten Ernte. Jedoch hatte sich das Volk von Gott abgewendet, und so blieben die guten Ernten aus.

Christen müssen nicht erst den ‘Zehnten’ geben, um Gott zu erfreuen und um seinen Segen zu bekommen. In Christus hat er uns bereits mit allem gesegnet (siehe Epheser 1,3). Beachten wir auch die Aussagen in 2. Petrus 1,3-4. Dort sagt Petrus u.a., dass wir “Teilhaber der göttlichen Natur werden”. Dieser Segen ist viel größer und umfassender, und er ist nicht an die Abgabe des ‘Zehnten’ gebunden.


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